Statement:

Im Club zu spielen, kann ich mir nicht mehr leisten

Liebe Clubs, es war schön mit euch. Ihr seid für mich immer noch die heiligsten Orte auf diesem Planeten. Meine Kirche der Popkultur. Schauplatz magischer Momente. Ich weiß, wie ihr riecht, wenn ich zum Get-In in das leere Haus komme. Wie ihr euch im Laufe des Konzertes aufheizt. Wie sich alle die Seele aus dem Leib schwitzen, vor und auf der Bühne. Und sich hinterher beseelt in den Armen liegen. Ein sich auflösender Organismus. Vereint im kollektiven Erlebnis. Liebe Clubs, es war schön mit euch, doch jetzt muss ich auf zu neuen Ufern. Denn im Club zu spielen, kann ich mir nicht mehr leisten.

Bildquelle: Kevin Winiker, Photostudio Ottensen

Letzte Woche habe ich, nach dreieinhalb Jahren, endlich mal wieder ein Konzert in meiner Heimatstadt Hamburg gegeben. Genauer genommen war es das Releasekonzert für mein neues Album. Habe Clubs angeschrieben, wochenlang nach einem passenden Termin und der richtigen Umgebung für meine Musik gesucht. Als mir einer meiner Wunsch-Clubs dann einen Termin anbot, habe ich es leichtgenommen, als es hieß, ich müsse den Club zum Festpreis mieten. Ist ja jetzt so. 700 Euro für Raum, Technik, Personal. Ticketing, Werbung, GEMA und KSK auf meiner Seite. Ich bin die Veranstalterin. Mach ich, kann ich. Vor allem zur Releaseshow, da werde ich viele Leute aktivieren. Veranstaltet habe ich früher auch schon. 

Manchmal ist der Wunsch die alleinige Mutter des Gedankens. Ich arbeite mir wochenlang den Arsch ab. Gebe alles. Schalte Werbung, poste, schreibe Newsletter, gehe viel aus, um Leute zu treffen und das Konzert zu spreaden. Richte das Ticketing ein, hole die Fans ins Boot, wie wichtig es ist, sich die Tickets im Vorverkauf zu holen, um mir Sicherheit für die Veranstaltung zu geben. Organisiere Proben, übe selbst, kümmere mich um die Umsetzung der Live-Visuals. Richte die Ableton Session für die Backingtracks ein. Bekomme das Merch an den Start.

Das Konzert ist ein Riesenerfolg. 100 Personen finden den Weg in den Club und sind begeistert. Die Live-Visuals sind, laut Publikum, „Next-Level-Shit“. Ich kann hinterher kaum mehr geradeaus gucken, bin aber froh, dass es so gut gelaufen ist. Bis es zur Abrechnung kommt.

  • Einnahmen: 1.180 € 
  • (Vorverkauf: 63 Tickets VVK 20,- € / Limit.Bundels 3 für 2 = 920 €; Abendkasse 22,- € /Schülerermäßigung 9,- € : 24 Tickets = 300 €; 15 Gästelistenplätze (Verlag, Promotion, offizielle Personen)
  • Ausgaben: 2.100 € 
  • (Club: 700 € ; 4 Musiker*innen & Visual-Betreuung: 1.250 €; GEMA & KSK ca. 150 €)

Puh. Das hat also nicht so gut geklappt, mit dem viele Leute ziehen. Viele, die mir gesagt haben, dass sie abends vorbeikommen, sind dann doch nicht gekommen. Mir wird endgültig klar, dass ich der einzige Mensch bin, der an diesem Abend für Publikum gesorgt hat. Meine Liveband ist gebucht. Ich bin ein Solo Act. Meine Gäste kamen aus dem Ausland und einer anderen Stadt. Und dann geht jede und jeder aus diesem Abend mit Plus. Die Musiker*innen und Crew mit ihren Gagen. Der Club mit dem Mietpreis und den Einnahmen der Bar. Und ich? Ich gehe mit einem fetten Minus. Von dem Geld hätte ich in den Urlaub fahren können. 10 Tage Vorsaison wären safe drin gewesen.

In Zeiten der Selbstoptimierung und des neoliberalen Versprechens, dass wir es alles schaffen können, wenn wir nur ausgiebig und hart genug arbeiten, hadere ich mit mir, ob ich diese Niederlage öffentlich machen soll.

Ich fühle mich, als sollte ich mich dafür schämen. Hätte ja mehr Leute ziehen können. Publikumsschwund nach Corona. Inflation. Alternativveranstaltungen. Was auch immer. Vergiss es. Hab keinen ‚Buzz‘ kreiert. Also: Gut gemacht, Club. Siehste, war ganz richtig zu vermieten. Du musst ja wirtschaftlich denken. Und: Machen wir das nicht alle für den Spaß? Und dann die Diskussion, wer ohne wen nicht mehr existieren kann. Klar, wenn die Clubs sich nicht mehr finanzieren können, haben Musiker*innen keine Auftrittsorte mehr, aber wenn die Soloartists und Bands nicht mehr da sind, gibt es eben auch niemanden mehr, der in Clubs spielt. Richtig, Idealismus können wir uns auf beiden Seiten nicht mehr leisten.

Ha, das war doch nie anders, hör ich euch auch sagen. Früher haben die Clubs auch keine Werbung gemacht. Aber früher habe ich auch nicht in solchen Clubs gespielt. Zumindest nicht in solchen, die ich anmieten musste. Die, in denen ich plötzlich Veranstalterin war und die GEMA und die Veranstaltungsversicherung (die ich total vergessen hatte) selbst bezahlen musste. Früher gab es Doordeals mit fairen Prozentbeteiligungen. Das Risiko wurde geteilt. Der Club hatte einen eigenen Newsletter und ein gepflegtes Stammpublikum. Alle hatten ein Interesse daran, dass die Veranstaltung gut (besucht) wird, und nicht nur ich.

(Ich denke gerade darüber nach, ob ich mir nicht doch einen anderen Job suchen sollte. Wenn ich mich da nur nicht so endlos langweilen würde.)

 

Also weniger Gage für die Band? 

“Ja, dann musst du deinen Musiker‘*innen eben weniger Gage geben. Du solltest egoistischer sein.“ Nein, das will ich nicht. Denn dann verteile ich das Problem nur auf ganz viele, was die grundlegende Situation aber nicht ändert: Dass mit Musikstreaming, wenn man nicht gerade Megastar ist, kein Geld mehr zu verdienen ist. Dass CDs nicht mehr und Vinyls nur beschränkt verkauft werden. Dass Konzerte und Touren ein Minusgeschäft sind (da gibt es einen tollen Artikel drüber im englischen Guardian). Das wir, die hauptberuflichen Musiker*innen, die die ganze Musikwelt auf unseren Schultern tragen, das Ende der Nahrungskette sind. Als Hobby könnten wir uns ‚Musik machen‘ unter solche Konditionen noch leisten, aber als Pros…

Ich habe keine Lust mehr, mich diesem Diktat zu beugen. Und wahrscheinlich kann ich nach diesem Rant eh in keinem Hamburger Club mehr spielen. Will ich aber auch gar nicht. Vielleicht irgendwann mal wieder in denen, die ein Interesse daran haben, ZUSAMMEN zu arbeiten. Auf Augenhöhe das Risiko einer Live-Veranstaltung gemeinsam zu tragen. Denn wir sitzen alle im gleichen Boot, das wackelt und schaukelt und auch kentern kann, doch es kann nicht sein, dass ich das Ruder für alle übernehmen muss. Liebe Clubs, ich gebe mein nächstes Konzert im Frisörsalon. Guerilla Gig. Gesangsanlage, Diskoampel (hab ich zum 12. Geburtstag bekommen) und Drinks vom Kiosk nebenan. Limitierte Tickets. Der genaue Ort wird erst zwei Stunden vorher bekannt gegeben. Das wird was. Kommt vorbei.

Nachtrag: Wen die Gegenseite interessiert, der lese bitte den Antwort-Artikel von Felix Grädler aus Sicht der Clubs: “Nachwuchskünstler*innen in meinem Club, kann ich mir nicht mehr leisten.”