JEDE KRISE EINE CHANCE

Lassen die Einschläge der letzten beiden Jahre die Kulturszene als Trümmerfeld zurück oder wachsen aus den Herausforderungen gar neue Perspektiven? 

Ein Kommentar von Lothar Nierenz

Schon wieder! Diesmal die Halle 424, im Hamburger Unterhafen. Die neue Konzertreihe »Cello zwischen Jazz & Klassik« läuft im Vorverkauf nicht, die ersten Konzerte sind abgesagt.

Überall hört man von Absagen oder von viel zu wenig Publikum, nicht nur in der Klassik, sondern auch in Jazz, Rock und Pop. Das renommierte Punk-Festival »Ruhrpott Rodeo« fand zwar Anfang Juli statt, doch jetzt müssen die Veranstalter versuchen, die zu geringen Einnahmen aus dem Ticketverkauf durch ein Crowdfunding zu kompensieren.

Bei uns, in der Region Lüneburg, ist es nicht anders. Das One World kämpft, kann momentan auch manch schlecht besuchtes Konzert noch durchziehen und Gagen auszahlen. Doch zum Jahresende läuft dafür dringend benötigte Förderung aus. Im Theater Lüneburg war die Auslastung bis zur Sommerpause deutlich unter Vorseuchenniveau, sogar die früher eigentlich immer ausverkauften Ballettabende erreichten zuletzt kaum einmal eine Auslastung von 50 %. Bei uns in der Musikschule, wo für Veranstaltungen im FORUM nur selten Eintritt genommen wird, gab es nach den Osterferien bei Konzerten mit Schülerinnen und Schülern mäßige bis gute Besucherzahlen, alles andere lief schlecht.

Klar, die Konkurrenz ist jetzt besonders groß. Unendlich viele Konzerte werden in diesem Jahr nachgeholt, alles ballt sich in den Sommermonaten, denn für Herbst und Winter traut man sich kaum, in die Planung zu gehen. Und ja – alles was »bekannt aus Funk und Fernsehen« ist, läuft auch in diesen Monaten gut. Doch was bedeutet das für die Kulturszene? Werden nur die Großen überleben? Hat nur noch der Mainstream eine Chance? Werden die kleinen Venues, in denen doch am ehesten mal etwas Neues gewagt wird, einen langsamen Hungertod sterben, während die industrialisierte Kultur mit den ewig gleichen Programmen und Konzepten immer fetter wird?

Ich kann und ich will das nicht glauben.

Die Zeit seit dem ersten Lockdown ist nicht verloren. Wir alle, Musikmachende und Musikhörende, waren endlich einmal zum Innehalten gezwungen. Und endlich wurden längst überfällige Fragen gestellt: Wollen wir wirklich einfach zu dem zurückkehren, was vor der Pandemie war? War da wirklich alles super? Warum wird in der Klassik eigentlich immer nur die Musik von männlichen, überwiegend toten Komponisten aus Europa gespielt und warum erleben wir so wenige Musizierende mit dunkler Hautfarbe in der Klassik? Warum sind Frauen im Jazz so hoffnungslos unterrepräsentiert und warum dürfen sie in Pop und Rock nur dann berühmt werden, wenn sie singen und tanzen? Warum bezeichnen wir Musik aus Mittel- und Westeuropa und aus Nordamerika als »Musik« und fast alles andere als »Weltmusik«?

Viele Musikerinnen und Musiker aller Stilrichtungen beschreiten jetzt neue Wege, spielen beispielsweise viel mehr Musik von Frauen oder von Komponistinnen und Komponisten mit afrikanischen, asiatischen oder lateinamerikanischen Wurzeln. Gehen Sie mit auf die Entdeckungsreise, gehen Sie auf Schatzsuche! Wenn wir uns als selbstbestimmtes Publikum für bisher Unerhörtes öffnen, wenn wir unserer Neugierde Raum geben, dann haben wir auch als Konsumierende Macht gegenüber der Musikindustrie. Dann werden auch bisher völlig unbewegliche Veranstalter begreifen, dass nicht nur Männer Schlagzeug, Bass oder Posaune spielen und gute Musik schreiben können. In vielen kleinen, experimentellen Veranstaltungen der vergangenen Monate habe ich eine unglaubliche Begeisterungsfähigkeit des Publikums erlebt. Lassen wir uns doch zur Abwechslung mal davon anstecken!

Lothar Nierenz stammt aus Hannover, studierte in Berlin einige Semester Publizistik, Musikwissenschaft, später dann Musikpädagogik. Seit 1988 arbeitet er an der Musikschule der Hansestadt Lüneburg, wird Anfang 2022 deren Direktor. Er engagiert sich in internationalen Kulturprojekten, spielt gelegentlich Theater und schreibt sporadisch, beispielsweise für die Neue Musikzeitung (nmz), das Stadtmagazin QUADRAT oder das ÜBER-Magazin.